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"Einen Preis bekommt man nicht alle Tage" - Interview mit einem Preisträger des Deutschen Planspielpreises 2015

Andrea Heinecke (25.09.2015)

Maximilian Knogler, Preisträger des Deutschen Planspielpreises 2015

Am 16. Juni 2015 wurde der Deutsche Planspielpreis erneut an junge Wissenschaftler vergeben. In diesem Jahr wurden fünf Arbeiten ausgezeichnet, so auch die Dissertation von Maximilian Knogler von der TU München. Im Anschluss an die Preisverleihung führte Andrea Heinecke mit ihm ein Interview über den Preis, seine Arbeit und den weiteren Forschungsbedarf im Themenfeld.

Andrea Heinecke: Wie geht es Ihnen heute? Sie haben ja zwei anstrengende Tage hinter sich: gestern die Preisverleihung mit Laudatio, heute die eigene Präsentation Ihres Forschungsprojekts?

Maximilian Knogler: Ich bin guter Laune, guter Stimmung, danke. Anstrengend? Meine Tage sehen in der Regel schon häufig so aus, dass ich etwas präsentiere oder vortragen darf, sei es in Seminaren oder Vorlesungen und manchmal auch auf Konferenzen. Das gehört zu meinen täglichen Tätigkeiten als Wissenschaftler und Dozent dazu. Doch einen Preis kriegt man nicht alle Tage. Insofern ist die Bilanz sehr positiv.

Heinecke: Seit wann wissen Sie, dass Sie diesen Preis bekommen haben? Wie haben Sie davon erfahren?

Knogler: Das weiß ich seit etwa drei Wochen. Ich wurde per Post informiert. Ich hatte mich ja für den Preis beworben, insofern war ich gespannt, wie das ausgehen wird.

Heinecke: Waren Sie der Einzige, der mit dieser Forschungsfrage dabei war, oder gab es ähnliche Arbeiten, die in dieselbe Richtung gegangen sind?

Knogler: Ich denke es gab niemanden, der genau in diese Richtung arbeitet. Die anderen Arbeiten sind eher konzeptuell angelegt, also etwas früher im Entwicklungsprozess anzusetzen. Bei meiner Arbeit war das Planspiel bereits weitgehend entwickelt und unser Fokus lag mehr darauf, mithilfe des Planspiels - als Intervention - Forschungsfragen zu beantworten. Diese Fragen sind insbesondere auf die Motivationsentwicklung der Spielenden gerichtet. Diese Perspektive ist bisher eher wenig vertreten.

Heinecke: Das heißt die Untersuchung von Effekten des Spielens ist noch ein großer schwarzer Fleck?

Knogler: Ja, so könnte man das ausdrücken. Da gibt es aus meiner Sicht noch nicht so viele gesicherte Erkenntnisse. Das ist aber, denke ich, der Planspielcommunity durchaus bewusst und folgt auch einem größeren Trend im Bildungswesen hin zur Evaluation von Maßnahmen. Mir persönlich geht es vor allem darum, Evaluation zu betreiben, um Spiele zu verbessern, um Spielprozesse zu optimieren. Meine Arbeit folgt damit einem entwicklungsbetontem Forschungsansatz, bei dem ein Planspieldesign in Forschungszyklen weiterentwickelt wird. Das heißt, es werden Daten zu der Wahrnehmung der Spieler oder deren Lernerfolg analysiert und das Spiel dann auf Basis dieser Information verbessert und wieder implementiert und wiederum ausgewertet. Durch mehrere Entwicklungszyklen gibt es häufiger die Möglichkeit, sich Gedanken zu machen, wie man ein Spieldesign verbessern kann. Dabei ist es auch hilfreich, Lerntheorien mitzudenken und deren Empfehlungen für das konkrete Design zu berücksichtigen. Bisher standen in meiner Forschung Motivationstheorien im Vordergrund oder auch Kognitionstheorien. Diese helfen zum Beispiel, Fragen zu beantworten, wie sich Schülerinnen und Schüler dazu motivieren lassen, sich längere Zeit mit einem komplexen Thema auseinander zu setzen ohne dabei frustriert zu werden. Komplexe Themen sind auch eine kognitive Herausforderung, die ein Planspieldesign für die Lernenden gewissermaßen managen muss. Sichtbar zu machen, ob und inwiefern Lernerfolge tatsächlich erzielt wurden, das ist zudem eine wichtige und herausfordernde Aufgabe für die Forschung und Evaluation.

Heinecke: Sie haben sich in Ihrer Studie vor allem mit Fragen der Motivation befasst, wenn ich das richtig verstanden habe. Gibt es da Anknüpfungspunkte zu anderen Forschungsarbeiten, die sich mit anderen Bereichen z.B. zur Kompetenzentwicklung durch Spiele befassen?

Knogler: Ja, genau meine Forschung zu Planspielen leistet vor allem auch einen Beitrag zur Motivationsforschung. Definitionen von Kompetenz und Kompetenzentwicklung schließen immer auch Motivation mit ein. Prozesse des Kompetenzerwerbs und der Motivation laufen nicht unabhängig voneinander ab, sondern wenn ich etwas lerne und damit meine Kompetenzen spürbar erweitere, dann bin ich in aller Regel auch motivierter, und wenn ich motivierter bin, lerne ich auch mehr usw.

Heinecke: Können Sie in zwei, drei Sätzen Ihre wesentlichen Erkenntnisse kurz zusammenfassen?

Knogler: Eine wesentliche Erkenntnis zum Beispiel ist, dass es doch sehr stark auf individuelle Aktivitäten innerhalb eines Planspiels ankommt, ob letzten Endes ein positiver motivationaler Effekt durch das Planspiel entsteht oder nicht. Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass Debriefings deutlich weniger interessant von Schülerinnen und Schülern wahrgenommen wurden als andere Aktivitäten wie z.B. Briefings oder spielbezogene Recherchephasen. Planspiele sollten vor diesem Hintergrund nicht zu sehr als eine Einheit gesehen werden, sondern vielmehr als eine Reihe von Aktivitäten. Dabei sollte man sich beim Design genau überlegen, wie die Aktivitäten in der Sequenz aufeinander passen und was jede Aktivität nochmals für sich zu bieten hat. Besonders gilt dies für die Zielgruppe der Schülerinnen und Schülern, die erwarten, dass mit weiteren Aktivitäten auch immer wieder neue Impulse gesetzt werden, denn sonst wird es schnell langweilig.

Heinecke: Das ist auch ein sehr langer Prozess, solch ein Planspiel wie Energetingen. Das geht ja über mehrere Wochen und insofern gestaltet es sich wahrscheinlich in jeder Phase anders.

Knogler: Das Planspiel „Energetingen“ geht über mehrere Wochen, aber gleichzeitig muss man auch sagen, es ist unterrichtsbegleitend, d.h. es findet somit nur etwa drei Unterrichtsstunden pro Woche statt. Doch Sie haben Recht, über diesen längeren Zeitraum treten Veränderungen auf, die sich auch nur mit längsschnittlichen Untersuchungsdesigns erfassen lassen.

Heinecke: Wo sehen Sie aus dem, was Sie an Erkenntnissen herausgetragen haben, die größten und wichtigsten Anknüpfungspunkte? Wo sollte es Ihrer Meinung nach in der Planspiel-Forschung weitergehen?

Knogler: Wir haben ja heute auch von den anderen Planspielpreisträgern gehört, dass es immer mehr Bestrebungen gibt, Kompetenzen zu messen und Kompetenzentwicklungen sichtbar zu machen. Da sich Lernumgebungen vor allem über Ihren Beitrag zur Kompetenzentwicklung von Lernenden legitimieren, halte ich dies auch für den wichtigsten Bereich der zukünftigen Entwicklung, auch um der Planspielmethode den Stellenwert im Kanon der Lehr-Lern Methoden zu geben, den sie meiner Meinung nach verdient. Als Planspielbegeisterte haben wir ja alle das Gefühl, dass Lernende wirklich von Planspielerfahrungen profitieren. Wie gut wäre es da, wenn wir tatsächlich Daten hätten, an denen wir diesen Erfolg ablesen könnten.

Heinecke: Warum halten Sie das für so wichtig?

Knogler: Nun, ich war am Anfang meiner Forschungsarbeit durchaus skeptisch zum Beispiel gegenüber standardisierten Fragebögen und ob diese tatsächlich erfassen können, welche Eindrücke Lernende im Laufe des Planspiels gewinnen und welche Veränderungen sie erfahren. Je häufiger ich jedoch das reale Spielgeschehen beobachtete und die Daten später analysierte, desto bewusster wurde mir, wie gut doch die Daten tatsächlich das Geschehen abbildeten, also mir wirklich ein Bild davon gaben, was im Spiel passierte. Gleichzeitig gaben mir statistische Verfahren die Möglichkeit, Informationen von mehreren hundert Spielern differenziert zu analysieren. Dies hat nochmals einige Erkenntnisse angestoßen und Vorlagen geliefert, wie ein Planspieldesign zum Beispiel für unterschiedliche Gruppen von Lernenden angepasst werden kann. Insgesamt halte ich empirische Verfahren gerade bei Planspielen so sinnvoll, weil sie sowohl den Erfolg der Methode dokumentieren als auch Potentiale für Optimierung aufzeigen können.

Heinecke: Wo sehen Sie denn die Übertragbarkeit in Bezug auf standardmäßige Unterrichtsabläufe?

Knogler: Gut, wenn Sie das Planspiel Energetingen nehmen, so ist dies aufgesetzt auf ein universelles Model des problembasierten Lernens. Man lernt also durch das Lösen eines Problems und durchläuft dabei ganz bestimme Schritte. Dieses Model kann die Grundlage für den täglichen Unterricht bilden. Morgens werden Problemaufgaben, z.B. in Form von Planspielen, an die Schülerinnen und Schüler gegeben. Diese werden dann im Laufe des Schultages gelöst und diskutiert. Ich halte dies für eine gute und praktikable Ergänzung zu lehrerzentrierten Unterrichtsangeboten.

Heinecke: Wo kann man denn Ihre Arbeit einsehen und wen würden Sie sich als Leser wünschen?

Knogler: Meine Dissertation umfasst mehrere wissenschaftliche Artikel, die zum Teil in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht sind, und ein Rahmenpapier, welches diese Artikel zusammenfassend diskutiert. Wenn Sie meinen Namen im Internet suchen und beispielsweise auf die Online-Plattform Research Gate stoßen, dann stehen Ihnen dort alle meine Veröffentlichungen zum kostenlosen Download zur Verfügung. Als idealen Leser wünsche ich mir natürlich Wissenschaftler, die auf den Erkenntnissen meiner Studien aufbauen. Was Vertreter der Planspielpraxis anbelangt, so denke ich, werde ich da in Zukunft nochmals spezielle Angebote machen, denn wissenschaftliche Texte sind für dieses Publikum nicht besonders spannend zu lesen. Und doch ist es ein Publikum, das ich mit meiner Arbeit erreichen möchte.

Heinecke: Also die Lehrerschaft?

Knogler: Auf jeden Fall Lehrkräfte, und auch Trainer oder Multiplikatoren, die im Bildungsbereich unterwegs sind. Für den praktischen Anwender hat sich für mich vor allem der Weg der Fortbildungen und Workshops als ideal erwiesen. Dort kann ich wiederum spielend weitergeben, was ich über Planspiele herausgefunden habe.

Heinecke: Zum Abschluss noch ein Tipp für zukünftige Anwärter auf den Planspielpreis: Was hätten Sie alles tun können, damit Sie den Preis nicht bekommen hätten?

Knogler: Da müssen Sie die Jury fragen, was sie dazu bewogen hat, diese Auswahl zu treffen. Ein Kriterienkatalog war nicht direkt einsehbar. Aus meiner Sicht gelten deshalb die Kriterien, die auch sonst für gutes wissenschaftliches Arbeiten gelten. Ich denke gerade bei Forschungsarbeiten ist es wichtig, nicht das Rad neu zu erfinden. Es gibt viele Erkenntnisse über ähnliche Lehr-Lern Methoden, wie zum Beispiel das problembasierte Lernen, auf deren Grundlage man aufbauen sollte. Gleichzeitig sollte eine kompetente Anwendung von Forschungsmethoden deutlich werden. Bei Planspielen ist es wohl besonders wichtig, dass die Befunde auch eine praktische Relevanz für Anwender haben. Diese praktischen Potentiale sollten deshalb in der Arbeit klar und für den Anwender verständlich formuliert werden. So kann man den Preis gewinnen.

Schlagwörter:

Planspielpreis, Preisträger, Forschung

Kommentare (1)

01.10.2015 - 21:58

Ein für planspielinteressierte Forscher hochinteressantes Interview, das mir nochmals neue Anregungen gebracht hat, obwohl ich mich mit der ausgezeichneten Forschungsarbeit zuvor schon intensiv auseinandergesetzt habe. Besonders interessant finde ich gerade die Aussage (die ich so zuvor aus der Arbeit nicht entnommen hatte), dass die standardisiert erhobenen Daten in hohem Maße der Beobachtung entsprechen und insofern als valide zu bezeichnen sind, was für künftige Forschungsprojekte ein wertvoller Hinweis ist.