Planspiel+ - Der Blog

Blättern
Zurück zur Liste

Methoden-Mix zum Studieneinstieg

Birgit Zürn, Sebastian Schwägele (19.09.2012)

Studierende beim Diskutieren

Beim Start in ein Studium müssen Studierende mit einer großen Zahl an Herausforderungen fertig werden: Neue Kommiliton-/-innen kennenlernen, sich auf die Gruppe einlassen, die Studienstruktur begreifen und in die fachliche Materie einsteigen. Das hier vorgestellte dreitägige Einführungsseminar soll diese Anfangsschwierigkeiten abfedern und einen gelungenen Kick-Off ins Studium ermöglichen.

An der Dualen Hochschule Stuttgart können Studierende in der Fakultät Wirtschaft ein duales Studium zum Bachelor of Science in verschiedenen Studienzentren absolvieren. Dabei wechseln sich dreimonatige Theorie- mit ebenso langen Praxisphasen im Ausbildungsbetrieb ab. Die Kurse haben eine Größe von ca. 30 Studierenden. Für dieses Studienmodell hat das ZMS, das Planspielzentrum an der DHBW Stuttgart, ein Seminarkonzept zum Studieneinstieg entwickelt, das idealerweise im ersten Studienmonat der Theoriephase stattfindet. Dieses soll hier kurz vorgestellt werden. Es handelt sich um einen Methoden-Mix, in den als zentrales Element ein betriebswirtschaftliches Planspiel eingebettet ist.

Ziele des Seminars

Das Format integriert verschiedene Zielsetzungen:
  • Fachliche / inhaltliche Ziele: Es soll Lust machen auf BWL und damit das Interesse für das Fach „Wirtschaft“ wecken. Mit Hilfe einfacher Begrifflichkeiten werden die grundlegenden Prinzipien und Abläufe und die Funktionsweise von Wertschöpfungsprozessen in einem Unternehmen vorgestellt. Ganz im Sinne der dualen Ausbildung gibt es bereits im Einstiegsseminar eine Verknüpfung von Theorie und Praxis.
  • Soziale und persönliche Ziele: Durch das Einstiegsseminar wird Freude am (gemeinsamen) Lernen und Studieren und ein erstes gegenseitiges Kennenlernen ermöglicht. Durch die Notwendigkeit der Abstimmung in den Teams bei Gruppenübungen werden grundsätzlich gültige Regeln der Zusammenarbeit während des Studiums und im Beruf aufgestellt und das Arbeiten im Team trainiert.
Diese Ziele werden in der Einführungsveranstaltung zu einem stimmigen Ganzen zusammengeführt werden.

Organisatorischer Rahmen

Zur Durchführung ist ein zeitlicher Rahmen von drei Tagen notwendig. Für eine Gruppengröße von ca. 30 Teilnehmer-/-innen (der Einfachheit halber im Folgenden mit TN abgekürzt) sollten mindestens zwei Trainer-/-innen mit entsprechenden Qualifikationen zur Verfügung stehen. Außerdem benötigt man einen großen, flexibel möblierbaren Raum, in dem sowohl Gruppentische als auch ein Stuhlkreis platziert werden können oder eine große freie Fläche zur Verfügung steht.

Inhalt, Ablauf und integrierte Übungen

Eine Aufteilung in Einheiten von halben Tagen ergibt folgenden Grundaufbau: Vormittag Tag 1: Gruppenübungen und Teamfindung
Nachmittag Tag 1: Einstieg ins Planspiel, Durchführung Jahr 1
Vormittag Tag 2: Durchführung Jahr 2
Nachmittag Tag 2: Werksbesichtigung
Vormittag Tag 3: Reflexion der Werksbesichtigung, Durchführung Jahr 3
Nachmittag Tag 3: Durchführung Jahr 4, Schlussrunde mit Reflexion der drei Tage Gruppenübungen und Teamfindung Zum Einstieg in das dreitägige Seminar ist es unumgänglich, dass die teilnehmenden Studierenden erfahren, womit sie diese (doch längere) Zeit verbringen. Dazu werden gleich zu Beginn die Ziele der Einführungsveranstaltung genannt und mit den TN abgeglichen. Diese werden am besten auf einer Flipchart dokumentiert. Die kurze Beantwortung der Fragen „Wo sind wir?“ „Wer sind wir?“ „Was haben wir vor?“ ermöglicht einen schnellen Start und Orientierung für die TN. Zudem weckt sie das Interesse.
Wichtig ist ein schnelles „Ins-Tun-Kommen“. Dies soll mit einer ersten Übung, die wir „Out of the Box“ genannt haben, geschehen. Die TN überlegen sich zunächst ihr persönliches „Erfolgsrezept der Zusammenarbeit“ und schreiben dieses auf eine Moderationskarte. Anschließend stellen sie sich reihum vor und beantworten hierbei folgende Fragen:
  • Haben Sie bereits Planspielerfahrung?
  • Haben Sie bereits Erfahrung mit Gruppenarbeit?
  • Was ist Ihr persönliches Erfolgskriterium / -rezept für Gruppenarbeit?
Die TN pinnen ihre Karten an eine Pinnwand. Die Wand mit den Erfolgsrezepten dient als Ausgangspunkt für Reflexionseinheiten zur Zusammenarbeit während der gesamten drei Tage. Die TN können die Wand im Laufe des Planspiels (vor allem nach Reflexionsphasen) ergänzen und Aspekte, die ihnen besonders wichtig sind, jederzeit durch einen Klebepunkt kennzeichnen. Am Ende zieht der TN noch eine Frage „Out of the box“, die spontan beantwortet wird. Jede Frage gibt es nur einmal und greift persönliche Aspekte auf (z. B. „Welches Buch lesen Sie gerade?“). Diese Integration persönlicher Fragen macht die Vorstellungsrunde interessant und abwechslungsreich und schafft eine offene und entspannte Atmosphäre. Im Anschluss an diesen Einstieg werden verschiedene Gruppenübungen gemacht, in denen in Kleingruppen, aber auch gemeinsam in der Großgruppe Aufgaben gelöst werden müssen. In der Übung „Seenot“ (vgl. Dürrschmidt, Peter; Koblitz, Joachim; Mencke, Marco et al. (2009), S. 117ff.) kann die Gruppe erfahren, dass „das Ganze größer ist als die Summe seiner Teile“. Durch die Diskussionen und Abstimmungen in einer Gruppe lassen sich Synergieeffekte erzielen; bessere Argumente setzen sich durch und Know how wird gebündelt. Die Coverstory ist spannend: Was nehme ich als Schiffbrüchiger mit in das Rettungsboot? Anhand dieser werden die Gruppenprozesse reflektiert und gemeinsam DOs und DON’Ts der Entscheidungsfindung herausgearbeitet. Die Pinnwand mit den Erfolgskriterien aus der ersten Übung kann an dieser Stelle weiter ergänzt werden. In der nächsten Übung ist die Zusammenarbeit in der großen Gruppe notwendig. Die Gruppe wird so wieder zusammengeführt und die Kooperation in einer weiteren Gruppenstruktur ausprobiert. Wir haben hierfür den „Tower of Power“ von Metalog (vgl. Voss, T. (2011)) verwendet. In der anschließenden Reflexion werden die „Lessons Learned“ herausgearbeitet wie, z. B.:
  • Teamarbeit muss strukturiert werden.
  • Viele Personen haben viele wichtige und gute Ideen.
  • Unterschiedliche Perspektiven bereichern nicht nur, sie helfen auch, Aufgaben besser zu lösen.
  • Manche Aufgaben lassen sich nicht alleine lösen – Kooperationen sind hilfreich.
Brettplanspiel BTI Global Strategy Um der Zielsetzung gerecht zu werden, ein Grundverständnis für betriebswirtschaftliche Zusammenhänge zu schaffen, sollte – dies liegt in einem Planspielzentrum nahe – natürlich auch ein Unternehmensplanspiel in das Seminar integriert werden. Das Tool durfte nicht zu komplex sein und sollte die Studierenden fordern, aber nicht überfordern. Unsere Wahl fiel auf das haptische Planspiel BTI Global Strategy. Brettplanspiele haben gegenüber computergestützten Planspielen den großen Vorteil, dass sie durch die physische Handlungsumgebung die Orientierung im Spiel und die Aneignung von Inhalten gerade zu Studienbeginn erleichtern (vgl. Gust, M.; Klabbers, J. 2009, S. 81 ff.). BTI Global Strategy ist ein General Management Planspiel, in dem die TN über mehrere Geschäftsjahre eine selbst erarbeitete Unternehmensstrategie erfolgreich umsetzen sollen. Sie konkurrieren mit anderen Unternehmen um Kunden, Märkte und Ressourcen. Die Teilnehmer treffen Entscheidungen über Produktion, Vertrieb, Finanzen und Produkte. Im Original sind vier Märkte mit insgesamt vier Produkten und einer großen Zahl an Entscheidungsvariablen zu managen. Uns erschien die Komplexität dieses Spiels für Erstsemester ohne ausgeprägtes betriebswirtschaftliches Vorwissen zu hoch. Wir haben daher eine Light-Version des Planspiels entwickelt. Die TN sind ab dem zweiten Spieljahr zunächst nur auf zwei Märkten mit insgesamt drei Produkten präsent. Das Planspiel wurde modularisiert, so dass bei Bedarf oder in späteren Runden weitere Entscheidungsvariablen wie Zahlungszielvarianten, Mengenrabatte, Lieferantenboni oder das vierte Produkt und zwei weitere Märkte eingeführt werden können. Ein (angepasstes) Teilnehmerhandbuch und ein Arbeitsbuch ermöglichen ein strukturiertes Vorgehen und erleichtern den Umgang mit den vielen Informationen. Hilfreich für das Verständnis ist bei diesem Planspiel, dass das erste Spieljahr geführt ist, d. h. die TN arbeiten Prozesse und Geschäftsvorfälle ab, können aber noch nicht selbst entscheiden. Alle Teams müssen also zum selben Ergebnis in Form der Bilanz und GuV-Rechnung kommen. Fehler können so rechtzeitig erkannt und besprochen werden. Für die erste wirkliche Entscheidungsrunde im Jahr 2 ist wichtig, genügend Zeit einzuräumen. Neben der Planung des Absatzes und der Produktion stehen hier auch grundlegende strategische Entscheidungen an (Welche Märkte wollen wir erschließen? Welche Produkte wollen wir entwickeln?). Die anschließende Phase der Auftragsvergabe in Form von Angeboten, die die Teams abgeben, ist aktivierend und führt zu einer guten und aufgelockerten Seminaratmosphäre. Insgesamt wurden vier Jahre gespielt. Es zeigte sich, dass die TN mit dieser Komplexitätsstufe gut zurecht kamen. Die notwendige theoretische Einführung in Grundbegriffe wie Stakeholder, Aufbau und Sinn einer Bilanz, Funktionsweise einer GuV-Rechnung und die wichtigsten betriebswirtschaftlichen Kennzahlen wurde ebenfalls modularisiert und dadurch für die TN nicht als ermüdend und langweilig empfunden. Das in den kurzen Theorieeinheiten erworbene Wissen konnte anschließend sofort in der Planspiel-Praxis angewendet werden. Werksbesichtigung Die am Nachmittag des zweiten Tags eingeplante Besichtigung einer realen Produktion in einer Firma soll den Bezug des Planspiels zur Realität aufzeigen und auch kritisch hinterfragen. Zudem bringt ein gemeinsamer Ausflug Abwechslung, „Luftveränderung“ und die Möglichkeit, sich auch privat auf der Fahrt und vor Ort zu unterhalten. Wichtig war uns, am nächsten Morgen den Besuch noch einmal zu reflektieren. Nach einer kurzen offenen Runde (Wie hat es Ihnen gefallen?) wurden drei Pinnwände mit je einer Aussage im Raum verteilt:
  • Das wusste ich noch nicht…
  • Das hat mich beeindruckt bzw. fasziniert …
  • Hier sehe ich Unterschiede zum Planspiel …
In drei kurzen Phasen konnten die Studierenden ihre Gedanken an die Wände schreiben. Bei allen drei Punkten wurden sehr viele und unterschiedliche Punkte genannt. Die Debrief-Phase wurde gemeinsam im Plenum abgeschlossen. Schlussrunde mit Gesamtreflexion Eine im ZMS beliebte Abschlussübung heißt „Erinnerungskarten“. Hier werden an eine Wand von möglichst allen TN Moderationskarten gepinnt zu allem, was sie aus der Veranstaltung schlussendlich „mitnehmen“. Bezugnehmend auf die zu Beginn genannten Ziele der Veranstaltung wurden bei dieser Übung drei Felder aufgemacht:
  • Zusammenarbeit im Kurs
  • Lust auf BWL
  • Praxisbezug
Die Vielzahl der genannten Aspekte zeigte, dass die TN in allen drei Zielfeldern etwas mitgenommen haben. Die Nennungen waren z. B. „wir sind durch ein gemeinsames Ziel zusammengewachsen“, „Theorie ist durch praktische Beispiele viel klarer geworden“, „ich habe Prozesse der BWL gelernt“ und nicht zuletzt „es hat Spaß gemacht“.

Unser Fazit

Das dreitägige Einstiegsevent mit Planspiel ist ein gelungener Kick-Off ins Studium. Die Investition von drei Tagen ist durchaus sinnvoll und gerechtfertigt. Durch diese kombinierte Veranstaltung aus fachlichem Einstieg, der frühen Verknüpfung zur Realität und der bewussten Zusammenarbeit in Kleingruppen und im gesamten Kurs wird ein schneller, attraktiver, lernintensiver und einprägsamer Start in das Studium ermöglicht. Nicht zuletzt ist es auch für Dozent-/-innen oder Professor-/-innen eine gute Möglichkeit, die Studierenden früh kennenzulernen und deren Kompetenzen – fachlicher, methodischer und sozialer Art – einzuschätzen. Literatur
  • Blötz, Ulrich (Hg.) (2008): Planspiele in der beruflichen Bildung. Auswahl, Konzepte, Lernarrangements, Erfahrungen - Aktueller Planspielkatalog 2008. Multimedia-Publikation mit CD-ROM. 4. Auflage. Bonn: W. Bertelsmann (Schriftenreihe des Bundesinstituts für Berufsbildung).
  • Dürrschmidt, Peter; Koblitz, Joachim; Mencke, Marco; Rolofs, Andrea; Rump, Konrad; Schramm, Susanne; Strasmann, Jochen (2009): Methodensammlung für Trainerinnen und Trainer. 5. Aufl. Bonn: ManagerSeminare.
  • Gust, Mario; Klabbers, Jan (2008): Gruppen-Planspiele in Brettform. In: Blötz, Ulrich (Hg.): Planspiele in der beruflichen Bildung. Auswahl, Konzepte, Lernarrangements, Erfahrungen. 4. Auflage. Bonn: W. Bertelsmann (Schriftenreihe des Bundesinstituts für Berufsbildung), S. 81-92.
  • Voss, Tobias (2011): Die METALOG Methode. Hypnosystemisches Arbeiten mit Interaktionsaufgaben. Berlin: Gert Schilling Verlag.
Informationen zu Birgit Zürn Informationen zu Sebastian Schwägele

Schlagwörter:

Planspiel, Hochschule, haptisch, Trainingsdesign, Brettplanspiel

Kommentare (0)

Es liegen noch keine Kommentare vor.