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Moderne Lehrrealität mit adaptiertem Model United Nations-Planspiel

Wolfgang Gruber, Stephan Köhler (13.05.2013)

Teilnehmende bei MUN

Komplexe Studieninhalte erfordern die Wahl eines speziellen Lernparadigmas und Methodenpools. Die hier beschriebene Lehrveranstaltung ist Teil des Studiums Internationale Entwicklung an der Universität Wien, bei dem eine Vielzahl von interdisziplinären Inhalten miteinander verknüpft werden. Dieser Blogbeitrag gibt einen Einblick in die Art und Weise, wie Wissen in einer solchen Lehrveranstaltung aktiv vermittelt werden kann. Damit der Dialog mit den Studierenden gelingen kann, ist es für die Lehrveranstaltungsleitung unverzichtbar, mittels verschiedener Lehrmethoden gute Voraussetzungen für einen Wissenstransfer herzustellen. Besonders hervorzuheben ist dabei die Implementierung der Methode Planspiel, die den Studierenden sowohl einen Perspektivenwechsel, als auch die Erfahrung der praktischen Anwendung von erlernter Theorie in entsprechenden Praxisfeldern ermöglicht.

Die Lehrveranstaltung “Internationale Entwicklung im historischen Kontext” wird jedes Semester in mehreren didaktisch unterschiedlich gestalteten Parallelkursen im Rahmen der Pflichtmodule des mittlerweile aufgelassenen Bachelorstudiums Internationale Entwicklung abgehalten. Ziel der Lehrveranstaltung ist, die Anwendung von theoretisch erworbenem Wissen bewusst in praktischer Art und Weise umzusetzen. Dazu nehmen alle Studierenden im Rahmen der Lehrveranstaltung an einer simulierten UN-Generalversammlung (Planspiel) teil, die sich mit einem vorher festgesetzten Thema (bspw. Landgrabbing, Migration, usw.) beschäftigt. Im Rahmen ihres Arbeitsauftrages müssen die Studierenden die Interessen ihrer jeweiligen Akteure möglichst realitätsnah vertreten. Der Aufbau der Konferenz folgt dabei (in vereinfachter Form) einer regulären UN-Vollversammlung, (wobei die inhaltlichen Aspekte im Vordergrund stehen). Als eines der wichtigsten Elemente zur nachhaltigen Wissensvermittlung dient das ganztägige Planspiel am Ende des Semesters., Es ist den Autoren allerdings wichtig, die Gesamtheit der Lehrveranstaltung zu beschreiben, da das Planspiel seine Wirkung ohne die vorhergehende Arbeit nicht entfalten könnte. Der hier dargestellte Kurs wird seit 2010 beständig weiterentwickelt. Parallel zum Kurs ist die Belegung der gleichnamigen Vorlesung verpflichtend, die sich thematisch jedoch nicht mit dem Lehrinhalt der hier beschriebenen Lehrveranstaltung deckt. Der Schwerpunkt des Kurses liegt auf der ausschnittsweisen Darstellung des historisch gewachsenen komplexen internationalen Systems, dessen Wurzeln bereits mehrere Jahrhunderte zurückreichen. Verstärkt in den Fokus genommen wird dabei die Entwicklung der regionalen (in der UNO-Generalversammlung vertretene Nationalstaaten) und nicht-regionalen Akteure (transnationale Konzerne, NGOs, usw.). Das Zielpublikum der Lehrveranstaltung, Studierende der Internationalen Entwicklung, erhält dabei eine wissenschaftliche Ausbildung im Bereich der Entwicklungsforschung und weiterer relevanter Fächer wie Geschichte, Politikwissenschaft, Soziologie, Ökonomie, u.ä. Ausgehende Überlegung für die Gestaltung dieses Kurses war unter anderem, dass Lernen und Arbeiten heute meist an getrennten Orten stattfindet, die wenig bis gar nicht miteinander in Verbindung stehen, wodurch beim praktischen Arbeiten vermehrt Probleme auftreten. Unter dem häufig geforderten Leitmotiv des „lebenslangen Lerners“ wird von Studierenden verlangt, dass sie zunehmend flexibler auf das wachsende Anforderungsprofil in unterschiedlichen Arbeitsbereichen reagieren. Der Erwerb von interdisziplinären Studieninhalten und anderen vielfältigen Kompetenzen soll dabei helfen, Studierenden den Zugang zu einer breiten Palette an Berufsfeldern zu ermöglichen. Diese umfasst zusätzlich zum Bereich der klassischen Entwicklungszusammenarbeit weitere Einsatzgebiete wie IGOs und NGOs, Presse- und Wirtschaftsunternehmen sowie den Bildungssektor. Die erlernten globalen Perspektiven und die interdisziplinäre Herangehensweise erhöhen die Analysefähigkeit und Problemlösungskapazitäten der Absolventen und Absolventinnen. Nachhaltige und zielgerichtete Vermittlung von Wissen steht im Mittelpunkt der Lehrveranstaltung. Bedingt durch die Komplexität der Lerninhalte und die unterschiedliche inhaltliche Ausgangslage der einzelnen Studierenden zu Anfang des Semesters wurde auf Theorien der Erkenntnistheorie und des Konstruktivismus zurückgegriffen, wonach jedes Individuum sein rationales Wissen in der jeweils eigenen Geschwindigkeit konstruiert. Wichtig für die Leitung ist die Bereitstellung der richtigen Rahmenbedingungen für diesen Wissenserwerb und die Entwicklung einer tragfähigen, lernintensiven Beziehung, welche wechselseitige Regeln vereinbart, Erwartungen abklärt und letztlich in einen Lehr-Lern-Vertrag mündet (vgl. Böss-Ostendorf, Senft 2010, S. 209 f.). Die gewählte Methodik sowie das abschließende Planspiel sind so konzipiert, dass die Studierenden die Brücke zwischen Theorie und Praxis schließen können und einer der Lernerfolge in der tiefen Verankerung des erworbenen Wissens im Langzeitgedächtnis besteht. Daneben ist das selbstorganisierte (Er)lernen von Themen und den dazugehörigen Akteuren ein wesentlicher Punkt. Es beginnt bei der Recherche und endet mit dem möglichst detailgetreuen Darstellen des Akteurs. Hierbei wird den Studierenden eine ganze Reihe von Soft Skills und Gruppendynamikprozessen aufgezeigt, die auch die heutige Arbeitswelt bestimmen: Umgang mit Teams, Verhandlungsfertigkeiten, usw. (vgl. Schumacher, 2011, S. 41 f.). Wie bei vielen anderen Lehr-Lernsituationen haben wir es auch hier mit einer komplexen Ausgangslage zu tun (vgl. Lehner 2011, S. 13 f.), die sich in weiterer Folge mit den vorgeschlagenen Maßnahmen sowie dem abschließenden Planspiel auch als Wissensvermittlung für andere Studienrichtungen bestens eignet. Die Autoren dieses Beitrages sehen auf jeden Fall ein hohes Potenzial der Übertragbarkeit der Methodik Planspiel in die universitäre Praxis. Bezeichnend für diesen Kurs ist zum einen die für eine prüfungsimmanente Lehrveranstaltung sehr hohe Studierendenzahl von 50 bis 60 Personen, welche die Lehrveranstaltungsleitung vor entsprechende Probleme stellt. Zum anderen erfordert die außerordentliche Komplexität des Themas im Hinblick auf die begrenzten zeitlichen Ressourcen eine besondere Aufbereitung durch die Lehrenden, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Ein wesentlicher Schwerpunkt ist dabei die Interaktivität der Leitung mit den Studierenden mit Hilfe von persönlichem Mentoring und alternativer Lehr-Lernkonzepte, die in vielen Fällen auf das konstruktivistische Lernparadigma zurückgreifen oder bestehende bekannte Methoden in diese Richtung adaptieren. Hierzu gehören Persönlichkeitsposter, Weltcafé, Think-Pair-Square-Share, Kleingruppenarbeiten, Plenumsdiskussionen, Marktplatzpräsentationen, Exkursionen und gezieltes Mentoring. Als Kernstück der Lehrveranstaltung schließt am Ende des Semesters dann das Planspiel, das an das internationale Modell der Model United Nations Conferences (im folgenden MUN genannt) angelehnt ist, die Brücke zwischen theoretischem Wissenserwerb und praktischer Anwendung. Als entscheidender Bonus gegenüber den einschlägigen MUN steht dabei jedoch die inhaltliche Beschäftigung mit den gewählten Thematiken im Vordergrund und nicht die formale Einhaltung der diplomatischen Regeln und die Forcierung von internationalen Netzwerken. Umfassendes Ziel ist das Erleben und Anwenden von theoretischen Wissensinhalten zu komplexen fachspezifischen Themen wie Landgrabbing, Klimawandel, Ernährungssouveränität oder Migration. Die eingenommene Rolle als Staatenvertreter/-innen, Lobbyist/-innen und anderer Akteure fördert die Kreativität, das Handlungswissen, diverse andere Kompetenzen und die Fähigkeit, Wissen aktiv anzuwenden. Für die betroffenen Akteurinnen und Akteure bedeutet dies, dass sie zunehmend flexibler auf Veränderungen ihres eigenen kulturellen Umfelds sowie auf die Übergänge zwischen unterschiedlichen fachlichen und kulturellen Kontexten achten und reagieren müssen, um diese dann durch ihr eigenes Handeln aktiv mitgestalten zu können. Insgesamt betrachtet bietet der Einsatz von Planspielen eine gute Möglichkeit für die Behebung immer wieder geäußerter Probleme in der universitären Lehre (fehlende Studierendenbeteiligung, wenig nachhaltige Implementierung von Lerninhalten, fehlende Verbindung von Theorie und Praxis, usw.) im Zusammenhang mit der Wissensvermittlung. Die Methode Planspiel kann jedoch singulär betrachtet nicht Allheilmittel sein und benötigt die Einbindung in ein größeres und individuell abgestimmtes Konzept zur Wissensvermittlung. Die anspruchsvolle Aufgabe besteht daher in der Adaptierung von hier vorgestellten Ansätzen auf andere Lehrrealitäten. Eingebettet in die verschiedenen angewandten Methoden erhalten die Studierenden die Möglichkeit in ihren jeweils unterschiedlichen Geschwindigkeiten ihr jeweiliges Wissen und ihre Erfahrungshorizonte zu erweitern. In Konsequenz der konstruktivistischen Lerntheorie wurde vieles davon in dieser Lehrveranstaltung umgesetzt und das Planspiel als Kulminationspunkt des verwendeten Methodenpools konzipiert. Seitens der Studierenden kann, basierend auf mehreren erfolgten Evaluierungen zu dieser Lehrveranstaltung, eine positive Einstellung gegenüber dieser praktisch geprägten Form der Wissensvermittlung festgehalten werden. In weiterer Folge muss die Bedeutung der Perspektive der Lernenden weiter betont werden. Daher ist prozessorientiertes Lernen Gegenstand von Forschung als auch von Lehre. Die Anwendung dieses breiteren Methodenpools wäre somit gleichbedeutend mit einer tatsächlichen realen Aufwertung des Bildungsauftrages an Hochschulen. Schließlich sollte die Wissensvermittlung eines der wesentlichen Elemente einer Hochschule sein und die Studierenden folgerichtig im Mittelpunkt dieses Bildungsauftrages stehen. Literatur
  • Arbeithuber, C.: Die IE in der UNO – "Model United Nations Conference"
  • Böss-Östendorf, A., Senft, H. (2010): Einführung in die Hochschullehre. Ein Didaktik-Coach, Opladen&Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.
  • Lehner, M. (2011): Viel Stoff – wenig Zeit. Wege aus der Vollständigkeitsfalle. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt Verlag.
  • Schumacher, E.-M. (2011): Schwierige Situationen in der Lehre. Methoden der Kommunikation und Didaktik für die Lehrpraxis. Opladen&Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.
Informationen zu Wolfgang Gruber Informationen zu Stephan Köhler

Schlagwörter:

Planspiel, Politik, MUN, Lehre, Lernkonzept, Lernarrangement, Lernumgebung

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